Standsaufnahme mit bibliographischen Auflistun- gen erwartet wird, und erst recht nicht eine Bilan- zierung der liechtensteinischen Volkskunde. Ich habe mich zwar bemüht, ein bisschen mit Liech- tenstein und mit dem hiesigen Volksleben vertraut zu werden, und ich werde ab und zu einen einhei- mischen Farbtupfer anbringen, damit das Angebot nicht zu exotisch wird. Aber auf einen Überblick zum Stand der liechtensteinischen Volkskunde kann ich schon deshalb verzichten, weil Herbert Hübe dazu vor kurzem einen umfassenden Über- blick 
gegeben ha.t.3 Volkskunde heute - diese Themenstellung zielt weniger auf einen Querschnitt als auf die Frage, was die neuen Akzente, die neuen Fragestellungen und eventuell auch die neuen Methoden im Fach sind. Allgemeiner formuliert: Wo und wie kontra- stiert die heutige Volkskunde mit der von gestern und vorgestern? Wenn ein solches Kontrastbild entworfen wird, ist die Versuchung gross, das Bis- herige, das Vergangene recht dunkel zu malen, da- mit das Neue möglichst strahlend herauskommt. Lessing hat in diesem Sinn einmal von den Rezen- senten gesprochen, die ihren Objekten die Krätze andichten, um sie besser jucken zu können. Um dieser Versuchung zu entgehen, will ich gleich sa- gen, dass Liechtenstein, was die volkskundliche Forschung und was die volkskundlichen Publika- tionen anlangt, im Vergleich mit anderen Regionen wahrhaftig nicht schlecht dasteht. Nicht nur, aber vor allem dank dem 1986 erschienenen Buch von Adulf Peter 
Goop: Brauchtum in Liechtenstein.4 Dieses Buch unterscheidet sich von vielen anderen Brauchtums-Enzyklopädien durch eine grosszügige Ausfächerung. In die Kapitel über den Jahreslauf und den Lebenslauf ist bei Goop vieles einbezogen, was nicht in jedem Brauchkalender steht, und aus- serdem gibt es bei ihm einige kurze Kapitel, die sehr nahe am Alltag bleiben: Kapitel zu Essen und Trinken, Kleiden, Wohnen, zu gängigen Formen der Kommunikation und der Geselligkeit und zu re- ligiösen Äusserungen und Verhaltensformen. Diese Kapitel enthalten verschiedentlich Hinweise auf die neuere Entwicklung der Volkskultur. So ist bei- spielsweise vom Niedergang der herkömmlichen 
Kleidungsnormen die Rede; das Wort Freizeitklei- dung taucht auf; das Eindringen und auch die Aus- breitung von Fertiggerichten werden erwähnt; und bei den Geselligkeiten wird nach den traditionellen Kartenspielen auch Bezug genommen auf neue Computerspiele. Diese neuen Entwicklungen wer- den registriert, und es wird keine moralische Sua- da dagegen aufgefahren; eigentlich fällt kein böses Wort. Aber an der Gewichtung und an einzelnen Formulierungen wird doch deutlich, dass diese Phänomene unter dem 
Aspekt Brauchtum Rander- scheinungen sind, dass sie nach der Meinung von Adulf Peter Goop nicht zur eigentlichen Volkskultur gehören. Diese ist charakterisiert im Sinne der von Richard Weiss ausgearbeiteten Grundbegriffe,5 charakterisiert als geprägt durch Tradition und Ge- meinschaft. Es handelt sich um eine wesentlich aus bäuerlichen Wurzeln stammende Volkskultur. Na- türlich weiss Adulf Peter Goop, dass diese Volkskul- tur brüchig geworden ist, überfremdet von Erschei- nungen der Moderne - eben deshalb sieht er die Volkskunde aufgerufen, gegenzusteuern. Die Trach- tenbewegung, die ja in Liechtenstein besonders stark ist, kann als eine solche Gegensteuerung ver- standen werden, und das ganze traditionelle Kon- zept der Volkskultur ebenso. Wolf Huber hat dazu kritisch angemerkt: «Wenn ein Dienstleistungs- und Industriezentrum wie Liechtenstein ... heute noch eine vorwiegend aus der vorindustriell-bäuerlichen Welt stammende Identität pflegt, so ist möglicherweise gerade das als Identitätsverlust zu beurteilen».6 Der Aufsatz von Wolf Huber ist mir nicht zugänglich; ich ent- nehme das Zitat dem Buch von Ralph Kellenber- ger.7 Wenn ich nur von diesem einen Satz ausgehe, dann drängt sich mir (obwohl ich mich im allge- meinen auf der selben kritischen Linie befinde) die Frage auf, ob hier nicht zu direkt und zu einseitig argumentiert wird. Ich habe vorher Richard Weiss erwähnt. Er hat mehr als einmal (am eindringlichsten wohl in dem Aufsatz «Alpiner Mensch und alpines Leben in der Krise der Gegenwart»)* darauf hingewiesen, dass die Schweiz als ganzes sich als alpine Nation ver- steht, dass die Bergbauern (deren Anteil an der Be- 132
        

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