ZWISCHEN MARKT UND ELFENBEINTURM - VOLKSKUNDE HEUTE / HERMANN BAUSINGER Wieviel Liechtensteiner braucht es, um eine Glüh- birne auszuwechseln? Ich unterstelle, dass einer genügt. Wird die Frage auf die Ostfriesen bezogen, denen man in Deutschland gerne die Rolle moder- ner Schildbürger zuweist, so lautet die Antwort: Drei - einer hält die Birne, und zwei drehen die Leiter. Die gleiche Frage wurde auch für Volks- kundler gestellt,1 und hier lautete die Antwort: Acht - einen, der die Birne einschraubt, und sieben, wel- che die Terminologie und Theorie ausarbeiten. Im Programm für diese Tagung in Balzers2 sind sieben Referentinnen und Referenten angeführt; ich hoffe und denke aber, dass sich jene scherzhaf- te Antwort trotzdem nicht auf die Tagung anwen- den lässt. Doch es ist etwas Richtiges dran an die- ser spöttischen Bemerkung - wie an den meisten Boshaftigkeiten. In der akademischen Volkskunde wurde und wird tatsächlich viel Energie und Zeit in Anstrengungen investiert, vernünftige Begriffe zu finden und theoretische Zugänge zu erschliessen. Die Kritik am (Elfenbeinturm) liegt nahe; aber bei näherem Zusehen zeigt sich, dass solche Investitio- nen - mindestens in manchen Phasen einer Wis- senschaft - ganz unvermeidlich sind. Es gibt Wissenschaften, bei denen man ziemlich genau weiss, wo man dran ist. Dazu gehört bei- spielsweise die Medizin. Natürlich gibt es auch dort vielerlei Richtungsstreit - mancher geht sogar töd- lich aus -, und natürlich gibt es auch Abgrenzungs- fragen, etwa im Blick auf Formen der sogenannten Alternativmedizin. Man streitet also beispielsweise darüber, ob Akupunktur zu dem Fach gehört oder ob sie nicht in den Bereich der Laienmedizin ver- wiesen werden muss. Aber im Ganzen weiss man doch, woran man ist; Medizin ist zentriert um Pro- bleme von Gesundheit und Krankheit, und sie ist legitimiert durch eine praktische Profession, durch das ärztliche Handeln. Volkskunde als Beruf - das ist, wenn man vom akademischen Bereich absieht, ziemlich selten. Volkskunde als Berufung gibt es häufiger, aber mit sehr verschiedenartigen, weit auseinanderlaufen- den Interessen. Die Frage- und Forschungsrich- tung des Fachs ist keineswegs eindeutig. Das mag sich merkwürdig anhören, denn die Gegenstände 
und Gebiete des Fachs scheinen ja bereits sprach- lich vordefiniert: VbMrspoesie, 
Vb/£smärchen, Volks- sage, Volkslied, Vo/£sglaube, Vo/£sfrömmigkeit, Vo/A:skunst, Vb/£ssprache, Ko/£sbrauch, Vö/£stracht. Schaut man aber genauer hin, so erweist sich gera- de dieses Ordnungsprinzip als Falle. Es gibt Ver- bindungen mit dem 
Bestimmungswort Volk, die nicht oder kaum ins Fach einbezogen sind. Schon bei Volkswagen steigen die meisten Volkskundler im allgemeinen aus. Und auch Bereiche 
wie Volks- schule, Vo/£shochschule, 
Vo/A:sempfänger, Volksab- stimmung sind keine eigentlichen volkskundlichen Domänen. Wichtiger aber ist etwas anderes, das man als Volksparadox bezeichnen könnte. Der Schweizer Volkskundler Eduard Strübin hat einmal festgestellt, wenn etwas mit dem 
Etikett Volks- ver- sehen sei, könne man davon ausgehen, dass es nicht volkstümlich, nicht populär sei. Dies stimmt so nicht ganz: Volksmusik ist zum Beispiel sehr po- pulär, und Volksmusikabende oder Volksmusik-Hit- paraden erreichen in Funk und Fernsehen hohe Einschaltquoten. Aber diese Art der Darbietung mögen die Volkskundler auch wieder nicht so recht; wenn sie könnten, würden sie diesen Veran- staltungen die Bezeichnung Volksmusik am lieb- sten verweigern. Was also nun? Es zeigt sich, dass sich aus sol- chen an der Sprache orientierten Beobachtungen keine verbindliche Theorie, keine klare Handlungs- anweisung für Volkskundlerinnen und Volkskund- ler ableiten lässt. Im Gegenteil: Die Dinge und Be- züge geraten ins Schwimmen. Aber eben diese Lockerungsübung scheint mir deutlich zu machen, dass es sich lohnt und dass es mitunter ganz unver- meidlich ist, sich grundsätzlichere Gedanken zu machen. Mein Thema 
heisst: Volkskunde heute. Ich fasse das nicht so auf, dass von mir eine allgemeine Be- il Bei einer Konferenz in den USA. 2) r-inführungsreferat von Hermann Bausinger, gehalten anlässlich der öffentlichen Tagung «Zwischen Markt und Elfenbeinturm - Volkskunde heute» vom 21. November 1998. Die Tagung wurde vom Arbeitskreis für Regionale Geschichte organisiert. 131
        

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