FESTANSPRACHEN ZUM 100-JAHR-JUBILÄUM QUADERER / FRICK / OSPELT / RHEINBERGER te, schon Ende des 19. Jahrhunderts hätte geräumt sein müssen. Gut zehn Jahre später, auf der Jahresversamm- lung des Historischen Vereins im Jahre 1933 in Schaan, hielt Pfarrer Anton Frommelt, Landtags- präsident, Regierungschef-Stellvertreter und Vor- standsmitglied des Vereins seit 1930, einen Vortrag über den «Steinbruch Limseneck, Ruggell», der im Jahre darauf, 1934, als Beitrag im Jahrbuch veröf- fentlicht wurde. Es klingt im Beitrag Frommelts eine Neubewertung der Naturwissenschaft an. Je- denfalls braucht man nicht tief zwischen den Zeilen zu lesen, um die abschliessende Bemerkung From- melts als eine späte Replik auf Büchels Eschner Rede von 1921 zu verstehen. Man werde durch «diese wunderbaren Zeugen alten, längst ausge- storbenen Lebens» angeregt, so Frommelt, darüber nachzudenken, «wie lange wohl diese Lebewesen schon im Stein geborgen liegen mögen, wie sie einst gelebt und den Meeresgrund bevölkert, wie lange es gedauert, bis endlich die Krone der mate- riellen Schöpfung - der denkende Mensch - auftrat, diese steinernen Zeugen aufhob und grübelte nach vergangenen Welten».24 Obwohl er es vermied, Zahlen zu nennen, liess Frommelt keinen Zweifel daran, dass auch der grübelnde - der denkende - Mensch in den Prozess der naturgeschichtlichen Entwicklung einbezogen war.25 Dort, wo die Wissenschaft forscht, hat sie Fra- gen; denn dort weiss sie es noch nicht so genau, sonst würde keine Forschung mehr vonnöten sein. In unserem alltäglichen Leben kommen wir mit Wissenschaft zumeist in der Form ihrer Anwen- dung in Kontakt und damit im Gewand einer ge- wissen Autorität gesicherten Wissens. In dieser Form hat sich ja auch der Historische Verein bei verschiedenen seiner Aktivitäten - etwa im archäo- logischen Bereich - eben der wissenschaftlichen Expertise versichert, die anderswo bereitsteht, um in einem besonderen Kontext zur Anwendung ge- bracht zu werden. Ich wünschte mir, der Histori- sche Verein würde sich in Zukunft neben seiner Ar- beit an Quellensicherung und Referenzwerken, von denen eines der wichtigsten im Augenblick sicher das Historische Lexikon für das Fürstentum Liech-tenstein 
ist, noch vermehrt genuinen Forschungs- fragen zuwenden, wozu er natürlich auf ausgebil- dete Wissenschaftler sowie Wissenschaftler in Aus- bildung zurückgreifen und die Zusammenarbeit mit Universitäten in Anspruch nehmen muss. Das dreibändige von Arthur Brunhart beim Chronos- Verlag in Zürich herausgegebene Werk «Bausteine zur liechtensteinischen Geschichte» und der Sam- melband über «Historiographie im Fürstentum Liechtenstein» scheinen mir in dieser Hinsicht in eine vorbildhafte Richtung zu weisen, ebenso das vom Chronos-Verlag und dem Historischen Verein gemeinsam publizierte Werk von Peter Geiger über die Krisenzeit der späten 1920er und 1930er Jah- re. Auf diese Weise werden die Liechtenstein-Ar- beiten auch einem internationalen Publikum be- kannt. Erlauben Sie mir, abschliessend noch einige Ge- danken aus dem Bereich meiner eigenen heutigen Tätigkeit, der Wissenschaftsgeschichte aufzugrei- fen und sie mit dem Jubiläum des Historischen Ver- eins in Verbindung zu bringen. Die Wissenschafts- geschichte befasst sich bekanntlich mit der histori- schen Entstehung und Entwicklung der Wissen- schaft in der ganzen Vielfalt ihrer verschiedenen Bereiche und Disziplinen. Über lange Zeit hinweg wurde diese Arbeit vorwiegend als historische Re- konstruktion von umfassenden, grossen Ideen und einflussreichen Theorien verstanden. In den letzten Jahrzehnten hat sich hier aber ein bemerkenswer- ter Sinneswandel vollzogen; wie in vielen anderen 20) Vgl. S. 205-220 in diesem Jahrbuch. 21) WieAnm. 20. 22) Johann Baptist Büchel: Die Naturwissenschaft als Quelle für die Geschichtsforschung. JBL 22 (1922). S. 31-42, hier S. 41. 23) Ebenda, S. 39. 24) Anton Frommelt: Der Steinbruch Limseneck, Ruggell. In: JBL 34 (1934), S. 17-32, hier S. 30. 25) Neulich stand im erzbischöflichen Kirchenblatt «Vobiscum» (6/2000) zu lesen, die biologische Evolution sei wissenschaftlich nicht bewiesen, und deshalb der Unterricht in Evolutionstheorie an «unseren Schulen und Universitäten» abzuschaffen. Kaum zu glauben, aber jetzt geht der «Affentheoretiker»-Zirkus im Jahre 2001 wieder von vorne los. 23
        

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