Der Kulturgeschichte des Fürstentums Liechtenstein ein eigenes Rückgrat eingezogen Verehrte Anwesende, Als mich der Vereinsvorsitzende Rupert Quaderer fragte, ob ich bereit sei, diesen Festvortrag zu hal- ten, fügte er sogleich hinzu, es dürfe auch Kritisches gesagt werden, man wolle nicht nur eine Festrede. Ich will versuchen, sowohl dem festlichen Anlass ge- recht zu werden, den eine Hundertjahrfeier nun ein- mal darstellt, als auch die Tür zum noch Ungedach- ten, vielleicht Ungemachten auch, offenzuhalten. Im zweiten Stück seiner «Unzeitgemässen Betrachtun- gen», «Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben» übt Friedrich Nietzsche heftige Kritik am Historismus seiner Zeit, dem späten 19. Jahr- hundert.1 Er unterscheidet in dieser Schrift drei Ar- ten, sich mit der Geschichte zu beschäftigen: die «monumentalische», die «antiquarische» und die «kritische» Art. Die monumentalische Geschichte befasst sich mit dem Klassischen, dem Seltenen und dem Gros- sen in der Vergangenheit, in dessen Fusstapfen sie sich stellt und auf dessen Nachahmung oder Über- bietung sie dringt. Die antiquarische Geschichte konserviert, muss aber ständig daran gehindert werden, von der Bewahrung in die Mumisierung umzukippen. Beide Formen sind schliesslich durch die Fähigkeit zur kritischen Geschichte zu ergän- zen. Der Mensch, so Nietzsche, «muss die Kraft ha- ben und von Zeit zu Zeit anwenden, eine Vergan- genheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können». «Dies sind die Dienste», fährt er fort, «welche die Historie dem Leben zu leisten vermag; jeder Mensch und jedes Volk braucht je nach sei- nen Zielen, Kräften und Nöthen eine gewisse Kenntniss der Vergangenheit, bald als monumenta- lische, bald als antiquarische, bald als kritische Hi- storie. »2 Die monumentalische Form der Geschichte soll hier ausgespart bleiben. Der Historische Verein hat ihr, vielleicht mit der Ausnahme einiger Publikatio- nen über das Fürstenhaus, eigentlich kaum gehul- digt, weil das kleine Liechtenstein dazu auch keine grossen Anlässe bot. Die beiden anderen Formen hingegen eignen sich ausgezeichnet, um die Aufga- ben zu beschreiben, die der Historische Verein sich bei seiner Gründung gestellt, sowie auch die Mittel 
und Wege, auf denen er sich ihrer angenommen hat. Im Vorwort zu seiner Geschichte Liechten- steins von 1847 schrieb Peter Kaiser über seine Landsleute den vielzitierten Satz: «Sie möchten wissen, woher sie stammen, wie es ihren Vorfah- ren ergangen und wie sie in den Stand gekommen, in dem sie sich dermal befänden.»3 Es sollte noch ein weiteres halbes Jahrhundert dauern, bis zu diesem Behuf in Liechtenstein ein Verein ins Leben gerufen wurde. Albert Schädler, der erste Vereins- vorsitzende, sah den Verein im Dienste des «rein idealen Zweckes der Durchforschung der Geschich- te unserer kleinen Heimat», wie er in seiner Fami- lienchronik feststellt.4 Aber was bei Peter Kaiser als ein Orientierungsbedürfnis selbstbestimmter Men- schen erscheint - zu wissen, woher man stammt -, hat sich bei den Vereinsgründern zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine anthropologische Naturkon- stante verwandelt. Jedenfalls liest man bei Kanoni- kus Johann Baptist Büchel, Landesverweser Karl von In der Maur und Landtagspräsident Dr. Albert Schädler in ihrer Einladung zur Gründungsver- sammlung des Historischen Vereins am 10. Febru- ar 1901 im Gasthaus Kirchthaler in Vaduz: «Wie je- der richtig denkende und fühlende Mensch für Vor- kommnisse und Schicksale seiner Familie Interesse zeigt, so hat er auch einen Zug zu seinem Volke und zu seinem Lande, und hierin ist sein Bestreben be- gründet, die alten Zustände seines Volkes und die Taten und Geschichte seiner Vorfahren kennen zu lernen».5 Ob es mit In der Maur, Büchel und Schäd- ler der Zug zur Familie und zum Volke ist, der un- ser Interesse an Geschichte wecken sollte, oder mit Peter Kaiser zu wissen, woher man stammt, um zu verstehen, woran man sich befindet, das gehört dann auch zum Unterschied, den Nietzsche zwi- schen der antiquarischen und der kritischen Ge- schichte gemacht hat. Die Beschäftigung mit den Quellen und ihre eventuelle Sicherung ist unabdingbarer Bestandteil jeder Geschichtsschreibung, aber letztlich doch nur die Voraussetzung für ein im Prinzip unabschliess- bares Rechenschaftsiegen und Neuausrichten des Blicks. Der 1901 in Anwesenheit von 45 «Ge- schichtsfreunden», wie Vereinskassier Oberlehrer 16
        

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