Herausgeber:
Verlage
Bandzählung:
119
Erscheinungsjahr:
2000
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000000256_119_1_2/32/
    
    
Harald Bösch 
Es wäre verfehlt, die der liechtensteinischen Treuhandkodifikation zu- 
grundeliegenden treuhanddogmatischen Grundfragen nur aus heutiger Sicht 
zu betrachten. Heute ist die fiduziarische Treuhand im Rechtsleben fest eta- 
bliert. Zur Zeit der Erlassung des PGR, also vor nicht ganz 75 Jahren, lag die 
normative Kraft der faktischen wirtschaftlichen Bedürfnisse im Treuhand- 
recht erst in ihren Anfängen. Die fiduziarische Treuhand hatte im Rechtsle- 
ben zwar bereits damals eine erhebliche Bedeutung erlangt, die für die At- 
traktivität und den praktischen Erfolg massgeblichen Aussenwirkungen des 
pactum fiduciae waren indessen in der damaligen Lehre — nicht ohne Grund 
— äusserst umstritten. Es gab deshalb in der Lehre intensive Bemühungen um 
Alternativen, wie die praktischen Treuhandprobleme, also insbesondere das 
Schutzbedürfnis bei treuwidrigen Veräusserungen oder beim Konkurs des 
Treuhänders, rechtskonstruktiv in einer überzeugenderen Form gelöst wer- 
den konnten. Stellvertretend für viele kann hierzu auf die in diesem Beitrag 
mehrfach angeführten Arbeiten SCHULTZES, FISCHBACHS und GERSTLES ver- 
wiesen werden. Erst eine Sichtweise vor diesem Hintergrund wird der liech- 
tensteinischen Treuhandkodifikation in dogmatischer Hinsicht gerecht, denn 
als Versuch einer Nachahmung des Common Law Trust musste bei der liech- 
tensteinischen Kodifikation der bestmöglichen Umsetzung der treuhand- 
rechtlichen Aussenwirkungen allererste Priorität eingeräumt werden. Es ist 
in diesem Zusammenhang geradezu bezeichnend, dass einer der möglichen 
Ideengeber der liechtensteinischen Treuhandkodifikation, nämlich FıscH- 
BACH!S, bereits 1912 die Ansicht vertrat, in Fällen einer nicht resolutiv be- 
dingten Übereignung sei de lege ferenda nur die Annahme einer besonders 
gearteten dinglichen Verfügungsmacht (Treumacht) des Treuhänders zielfüh- 
rend(!). 
Ein Treuhandmodell, bei dem der Treuhänder nicht zu vollem Recht Ei- 
gentümer, sondern lediglich Verwaltungs- und Verfügungsberechtigter am 
Treugut wird, hat in der Rechtslehre schon mehrfach positiven Anklang ge- 
funden'$!, In den anlässlich des 36. Deutschen Juristentags zur Frage «Emp- 
fiehlt sich eine gesetzliche Regelung des Treuhandverhältnisses?» erstatteten 
Gutachten gelangte einer der beiden Gutachter zum Ergebnis, die gesetzliche 
Regelung im Sinne eines Verwaltungsrechts des Treuhänders sei am zweck- 
mässigsten!®. Der zweite Gutachter, der seinem Gutachten mehr den Typus 
180 Treuhänder und Treuhandgeschäfte (1912), 309. 
181 Aus der älteren Literatur z. B. GIERKE, Deutsches Privatrecht (1905) Bd. I, 600 ff.; FıscH- 
BACH, Treuhänder und Treuhandgeschäfte (1912) 271 und 309 als Vorschlag de lege ferenda; 
SIBER, Das Verwaltungsrecht an fremdem Vermögen, JherJb 67 (1917) 81 ff.; MAYR, Treu- 
hand und Fiducia, Österr. GerichtsZ 1923, 16; RorH, Der Trust in seinem Entwicklungsgang 
vom Feoffee to Uses zur amerikanischen Trust Company (1928) 298 ff.; Norp, Das Recht des 
Treuhänders (1927) 31 ff. 
Gutachten FRIEDMANN, Verhandlungen des 36. DJT, Bd. I, 1015 ff., insb. 1095.
        

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