Ist-Zustand der europäischen Gemeinschaft in der ersten Hälfte der siebziger Jahre ist gekennzeichnet durch die weitgehende Beseitigung tarifärer und nichttarifärer Handelshemmnisse, durch Ansätze zur Realisierung der freien Faktormobilität, Rechtsharmonisierungen und, zumindest bis anfangs der siebziger Jahre, durch stabile Wechselkurse. Diese Kombination führte zu einer beispiellosen Ausdehnung des EG-Güteraustausches.57 Sie hatte jedoch, da man von einer effizien­ ten Koordination der Wirtschaftsprozeßpolitik noch weit entfernt ist58, eine unliebsame Nebenwirkung, nämlich die Erleichterung der Übertragung inflationärer Schwankungen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft. Schließt man den Einfluß von Wechselkursänderungen auf die Han­ delsströme aus, so gelangt man zum Schluß, daß Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivitäten eines EG-Landes, insbesondere aber in­ flationäre Entwicklungen, über die nationalen Grenzen auf die Han­ delspartner übertragen werden. «Diese Übertragung vollzieht sich auf drei miteinander verflochtenen Wegen: — Über den Güter- und Dienstleistungsverkehr, — durch internationale Kredit- und Kapitalbewegungen und die Wanderung von Arbeitskräften und schließlich — durch psychologische Ansteckung, die besonders bedeutungsvoll für die Investitionsentwicklung ist. Sie wächst mit der zu beobachtenden Intensivierung des internatio­ nalen Austausches.»59 Die Übertragung konjunktureller Schwankungen wird durch die große Einkommenselastizität des Außenhandels60 und über den Akze- lerator-Multiplikator-Mechanismus weiter verstärkt. Nachfrageände­ rungen in einem Land der EG werden somit unmittelbar bei den an- 57 Innerhalb der EG nahm der Außenhandel von 1958 bis 1969 um mehr als das Fünffache von 6 790 Mio. Dollar auf 36 330 Mio. Dollar zu. (Vgl. Statistische Grundzahlen der Gemeinschaft 1970, Luxemburg 1971, S. 155.) 58 Vgl. Bericht an Rat und Kommission über die stufenweise Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion in der Gemeinschaft (Werner-Bericht), Son­ derbeilage zum Bull. EG 11/1970, S. 8. Hahn bezeichnet die einschlägigen Bestimmungen des EWGV als eine Ansammlung von Gemeinplätzen; vgl. Hahn A. L., Monetäre Integration — Illusion oder Realität?, in: Währungspolitik in der europäischen Integration, Baden-Baden 1964, S. 122. 59 Müller-Armack, Hasse, Merx und Starbatty, Stabilität in Europa, Strategien und Institutionen für eine europäische Stabilitätsgemeinschaft, Düsseldorf und Wien 1971, S. 25. 60 Die Einkommenselastizität des Außenhandels ist im allgemeinen größer als Eins. Vgl. Rothschild K. W., «Pull» und «Push» im Export, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 97 (1966), II, S. 250 ff. Vgl- besonders auch Müller-Armack, Hasse, Merx und Starbatty (Anm. 59), Tabelle I, Außenhandelselastizität westlicher Industriestaaten, S. 208. 130
        

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