Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
3
Erscheinungsjahr:
1973
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000000075/64/
sellschaft kann sein «Lausbub» nur halb unterdrücken, und andere Landsleute reagieren, als hätte ich ihr Land verraten. Was aber habe ich anderes getan, als für eine unverstandene Minderheit Partei zu ergreifen — etwas also, dessen wir Schweizer uns so gerne als einer Nationaltugend rühmen? Was anderes habe ich getan, als für Liech­ tenstein das gleiche Recht zu verteidigen, das die Schweiz gegenüber größeren Staaten unermüdlich und immer wieder erfolgreich für sich selber geltend macht: das Recht, auch als kleiner Staat ernst genom­ men zu werden und einen Lebensanspruch zu haben? Was also bedeutet mir Liechtenstein? Nicht eigenes Land zwar, und doch weit mehr als fremdes Ausland! In diesem Zwischenbereich bewege ich mich als Journalist, der mit dem Verstand versuchen muß, stets jene kritische Distanz des Beobachters wieder herzustellen, die das Herz immer wieder mit spontaner Zuneigung überspringt. Die Diskrepanz ist nur mit der fortgesetzten und unermüdlichen An­ strengung zu beheben, die Leser meiner Liechtenstein-Berichte durch sachliche Information mit dem Land besser bekannt und allmählich vertraut zu machen. Was jedes Land braucht, und ein kleines in be­ sonders ausgeprägtem Maße, sind informierte Nachbarn und infor­ mierte Freunde in aller Welt. Ich versuche, mit meinen Liechtenstein- Berichten dem Land solche Nachbarn und Freunde zu gewinnen. Zur Information über Liechtenstein gehört, will mir scheinen, auch die Antwort auf die zweite Frage der Herausgeber: Was könnte Liech­ tenstein sein? Als Staat trägt Liechtenstein für mich in manchen Zügen Modellcharakter. Kleinstaatlichkeit wie die liechtensteinische erleichtert — darauf hat Gerard Batliner wiederholt hingewiesen — die Gewährleistung einer humanen Ordnung im Innern und eines friedlichen Zusammenlebens mit den Nachbarstaaten. In der über­ schaubaren Gesellschaft des Kleinstaates kommt der Einzelmensch besonders gut zur Entfaltung, zumal auch die Macht der Wirtschaft begrenzt ist durch ihre Transparenz im Innern und ihre Dependenz vom Auslandmarkt. Daß Liechtenstein auch keinerlei Mittel auf militärischem Gebiet auf­ wendet, mag weniger ein neues Verdienst des Landes und mehr ein Ausfluß der Geschichte und der Kleinstaatlichkeit sein. Der Modell­ wert dieser Tatsache wird dadurch nicht herabgemindert. Denn der Verzicht auf Rüstung und Heer schafft geradezu einen Zwang zum friedlichen Zusammenleben mit den angrenzenden Ländern und setzt eine internationale Friedensordnung mindestens im Kreise der Nach­ barstaaten voraus, welche das friedfertige Zusammenleben garantiert. Mir scheint, die allenthalben in Gang gekommene Konflikts- und Friedensforschung könnte am Modellbeispiel Liechtensteins zu 
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