Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
3
Erscheinungsjahr:
1973
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000000075/40/
Was bedeutet mir Liechtenstein? 5 Antworten von Franz. Hohler Geboren 1943 • Schriftsteller und Caharetist • Uetikon am See, Bergstraße 292. 1. Fast in jedem Stummfilm kommt es einmal zur folgenden Situa­ tion: Ein ungemütlicher Großer schnauzt einen Kleinen an, und der Kleine dreht sich um, in der Hoffnung, hinter ihm stehe noch einer, der in Wirklichkeit gemeint sei. Im Stummfilm steht nie einer hinter dem Kleinen, aber wenn ich als Schweizer von einem Bewohner eines großen Landes angesprochen werde, kann ich mich umdrehen und finde hinter mir immer noch einen Liechtensteiner. Liechtenstein bedeutet mir also zunächst der noch Kleinere, die Mög­ lichkeit, mit noch weniger Körper auszukommen. 2. Was mir auffällt, wenn ich mich in Liechtenstein umsehe, ist eine umfassende Betriebsamkeit und Geschäftigkeit. Ich habe das Gefühl, hier liege das Geld nur so herum, jeder Lehrer kann sich ohne weite­ res ein Haus bauen, hier schießt ein neues Gymnasium und ein neues Theater ins Kraut, man leistet sich die renommiertesten Architekten, man leistet sich auch — was auf Sicherheit deutet — den Luxus der Kritik (z. B. durch Herausgabe dieses Heftes), im Ganzen ist eine Selbstmanifestation im Gange, die einen fast an Dürrenmatts Besuch der alten Dame erinnert, man weiß bloß nicht, wer hier die Milliarde gestiftet hat und wozu. Der Eindruck, den Liechtenstein auf mich macht, gleicht allerdings ziemlich stark dem Eindruck, den die Schweiz auf einen Ausländer macht. Es kommt offenbar nicht von ungefähr, daß ein Dramatiker, der Strukturen im Großen bloßlegen will, dazu das Modell des Minia­ turstaates wählt («Leonce und Lena»). Liechtenstein bedeutet mir auch eine geraffte Darstellung der eigenen Verhältnisse. 3. Wenn ich bei einem sportlichen Wettkampf zuschaue, freut es mich meistens, wenn der Schwächere gegen den Stärkeren gewinnt. Daß der Kleinere gegen den Größeren siegen kann oder sogar muß, gehört offenbar zu unsern archetypischen Vorstellungen (womit nichts über ihre Richtigkeit gesagt ist). Sie ist für uns zum erstenmal 
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