Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
2
Erscheinungsjahr:
1973
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000000074/59/
die damaligen Zeitläufe noch bewußt erlebt hat, für sich selbst beantworten müssen. Das Ende des Krieges führte zu einer neuen Bewährung des liech­ tensteinischen Staates. Aber anders als 1939, als die politische Selbst­ behauptung im Vordergrund stand, lag 1945 der Akzent im morali­ schen und humanitären Bereich. Ein Zwergstaat bewies bis an die Grenze eigener Leistungskraft seinen Hilfswillen gegenüber Gefange­ nen und Flüchtlingen — ohne Rücksicht darauf, ob es Sieger oder Besiegte waren. Er widerstand dem Druck der siegreichen russischen Großmacht, indem er Auslieferungen verweigerte und Verfolgten Asyl bot. Dieser Standpunkt wurde respektiert, denn Liechtenstein hatte ja nicht zu den Kollaboranten und Satelliten des verflossenen Regimes gehört. Wiederum ergab sich die internationale Anerken­ nung nicht etwa aus der Pietät, die einem halbvergessenen Rest­ bestand der «deutschen Nation» entgegengebracht wurde, sondern aus der Tatsache, daß hier ein freies Gemeinwesen seinen Willen zur Neutralität und zum eigenen Weiterleben bekundet und bewiesen hatte. Liechtenstein war Liechtenstein geworden, 1939, und es war Liech­ tenstein geblieben, 1945 — nicht mehr, nicht weniger. Der Staat hatte sich aus den Unfällen und Zufällen einer feudalen Historie selbst in die Zeitgeschichte hineinkatapultiert — in Wahrheit neu­ geschaffen nicht von außen, sondern von den Liechtensteinern. Es sind die Namen des regierenden Fürstenpaares, des Kanonikus Frommelt und des Regierungschefs Alexander Frick, die für alle Zeit mit dieser doppelten Bewährung des Staates am jungen Rhein ver­ bunden bleiben werden. Die deutsch-liechtensteinischen Beziehungen der folgenden Nach­ kriegsjahre sind naturgemäß belastet gewesen durch die Erfahrungen und Ressentiments der Vergangenheit. Wie Gerard Batliner («Struk­ turelemente des Kleinstaats», in: Fragen an Liechtenstein, Vaduz 1972) treffend bemerkt, hatten jene gefährlichen Jahre für die Liechtensteiner zumindest ein negatives Staatsbewußtsein bewirkt: sie wußten, daß sie nicht Deutsche waren. Eine gewisse innere Front­ stellung oder doch Abgrenzung gegenüber Deutschland führte nicht nur zur stillschweigenden Änderung der Landeshymne, aus der die Hinweise auf das Deutschtum beseitigt wurden, sondern auch zu reservierter Kühle im internationalen Verkehr. Es ist ebenso erstaunlich wie erfreulich, daß diese Haltung in Liech­ tenstein sehr rasch abgebaut wurde — jedenfalls schneller als in der Schweiz, womit wir den Hinweis erhielten, daß die Liechtensteiner, die sich mit Recht nicht als Deutsche fühlten, doch wohl auch keine 61
        

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